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23. Sep 2026

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Gesellschaft

Kinder brauchen Wurzeln und Flügel – mit Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler

Journalist: Julia Butz

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Foto: Nadia Clabassi/unsplash

Der Kinderarzt und Wissenschaftler Dr. Herbert Renz-Polster über die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, Nähe und Loslassen in der Erziehung.

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Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler

Herr Dr. Renz-Polster, Sie plädieren dafür, Kindern mehr Freiraum zu geben. Wachsen Kinder heute zu behütet auf? Natürlich brauchen Kinder Geborgenheit und eine verlässliche emotionale Basis. Das ist ein guter Proviant, aber das allein trägt nicht die Entwicklung. Die führt das Kind ja zu einer immer größeren Selbstständigkeit. Dafür müssen die Kinder lernen, immer besser mit ihren Gefühlen und Impulsen umzugehen und die anderen mitzudenken. Beide Fähigkeiten entstehen weder allein durch liebevolle Fürsorge noch durch Strenge. Kinder wachsen vor allem dort, wo sie sich ausprobieren und auch eigene Lösungen finden dürfen. Dafür brauchen sie einen Rahmen, der zu ihrem Entwicklungsstand passt: nicht überfordernd, aber auch nicht zu eng. Ich finde, dieser Rahmen ist heute eher zu eng, nicht nur in vielen Familien, sondern auch in der Pädagogik. Wir setzen sinnbildlich zu oft auf Stützräder. Aber dadurch werden die Kinder bei ihrem großen Projekt, dem Selber-Fahrenlernen, eher behindert.

Deshalb verwenden Sie gern das Motiv der „Flügel“, wie in Ihrem neuesten Buch „Auf die Flügel kommt es an“. Ja, viele kennen dieses Bild, nach dem die Kinder für ihre Entwicklung Wurzeln, aber auch Flügel brauchen. Beides wirkt zusammen, das eine führt ohne das andere nicht zum Ziel. In den letzten 20 Jahren haben wir einen starken Fokus auf die Wurzeln gelegt, also auf Bindung, achtsame Beziehungen und die Nähe-Bedürfnisse der Kinder. Das war gut, aber ich glaube, dabei sind die „Flügel“ etwas zu kurz gekommen. Kinder haben sie – aber sie brauchen auch den Raum, um sie einzusetzen, zu üben und zu stärken.

Für die Entwicklung ihrer „Flügel“ brauchen Kinder vor allem eigene Erfahrungen.

Warum fällt es Eltern oft schwer, diese Balance zwischen Bindung und Selbstständigkeit zu finden? Zunächst sollten wir nicht vergessen: Eltern leisten heute Enormes, das wird viel zu selten thematisiert. Viele der natürlichen Helfer, die früher einfach gesetzt waren, sind ja seltener geworden. Ganz vorneweg das freie Spielen mit anderen Kindern! Das eigenständige Spiel unter Kindern ist ja ihr natürliches Förderprogramm. Man geht raus aus der Komfortzone, traut sich etwas zu, bewältigt Ängste, löst Konflikte und muss auch die Perspektive der anderen einbeziehen – was für ein Booster für die Entwicklung von Selbstregulation und sozialer Kompetenz! Heute wird vieles davon durch die Begleitung und Animation von Erwachsenen ersetzt. Das ist gut gemeint und entsteht aus dem Wunsch heraus, Kindern etwas zu bieten, aber für die Entwicklung ihrer „Flügel“ brauchen Kinder vor allem eigene Erfahrungen.

Was können Eltern dafür konkret tun? Dafür braucht es im Alltag gar nicht viel: weniger Animation, mehr Zutrauen. Ein Kindergarten mit weniger Programm kann dafür ein guter Ort sein. Kinder sollten raus zu den anderen dürfen und Erwachsene nicht immer danebenstehen. Sie sollten im Haushalt mitmachen dürfen, darin stecken schon viele kleine „Abenteuer“. Eltern hingegen sollten sich nicht als Servicepersonal verstehen. Sie treffen die großen Entscheidungen. Nicht die Kinder, denn diese lernen erst, die Folgen ihres Handelns zu überblicken. Und bei all dem sollte eines nicht fehlen: die eigene Freude.

Das freie, eigenständige Spiel unter Kindern ist ein Booster für die Selbstregulation.

Factbox

Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und eine der bekanntesten Stimmen der Erziehungsdebatte im deutschsprachigen Raum. Als Wissenschaftler beschäftigt er sich vor allem mit der Säuglingsentwicklung. Sein letztes Buch „Auf die Flügel kommt es an“ stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.