Diesen Artikel teilen:

21. Feb 2019

|

Gesellschaft

Luft nach oben: Innovationen brauchen Technologieoffenheit

Journalist: Dr. Ludwig Möhring

Klima- und Umweltschutz gehören zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Die daraus resultierenden Veränderungen stellen etablierte Technologien und Arbeitsplätze infrage. Gleichzeitig entstehen aber enorme Chancen für Innovationen und neue Wertschöpfung. Die fortschreitende Digitalisierung wird diesen Prozess beschleunigen.

Dieser Wandel kann erfolgreich gestaltet werden, wenn Politik und Wirtschaft globale Trends frühzeitig erkennen, die eigenen Stärken richtig einschätzen und die notwendige innovative Kraft und Entschlossenheit aufbringen.

Deutschland sieht sich an der Spitze der Bewegung, unter anderem als Klimaschutz-Vorreiter. Ernüchternd sind hingegen die Fakten, global wie national: Wenn die weltweiten CO2-Emissionen auf dem aktuellen (Rekord-)Niveau bleiben, wird bereits in den 2030er-Jahren das CO2-Budget für dieses Jahrhundert erschöpft und das 2 °C-Ziel verfehlt sein. In Deutschland wurde seit 2010 keine nennenswerte Reduzierung der CO2-Emissionen erreicht, obwohl mittlerweile rund 40 Prozent unseres Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammt. Die hohen CO2-Einsparziele für 2020 sind politisch „kassiert“ und durch noch ambitioniertere Ziele für 2030 ersetzt worden.

Die Energiewende steht am Scheideweg. Bisherige politische Werkzeuge sind stumpf geworden: Der subventionierte Ausbau der erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne hat Grenzen. In Deutschland stammen heute erst rund 13 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien, verglichen mit zehn Prozent im Jahr 2010. Selbst bei optimistischen Annahmen über Energie-Effizienzgewinne gilt eine Hochskalierung von Strom aus Wind und Sonne sowie der Strom-Infrastruktur (einschließlich der notwendigen Energiespeicher) im Sinne einer „all electric world“ als unrealistisch und wird auch nicht mehr ernsthaft verfolgt.

Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien und der dazu gehörigen Infrastruktur ist daher endlich in ein Gesamtsystem einzubetten, das technologieoffen und kostenoptimiert an Klima- und Umweltschutz orientiert ist und jederzeit die Versorgung und Bezahlbarkeit sichert. Hierbei ist die vollständige CO2-Bilanz der Energieträger und auch der Energieanwendungen zu berücksichtigen. Das gilt für Energieträger wie Erdgas (oder Kohle) und Strom, wie auch z. B. für Fahrzeuge, bei denen die CO2-Emissionen der Herstellung und des Betriebs einzubeziehen sind.

Eine zentrale Option neben den erneuerbaren Energien sind erdgas- und langfristig auch wasserstoffbasierte Lösungen. Dies gilt in allen Sektoren des Energieverbrauchs. Im Stromsektor sichern KWK-Anlagen die Versorgung ab. Der Wärmemarkt wird bei wachsender Zahl von Wärmepumpen auch in Zukunft gasbasiert bleiben, allerdings mit neuester Technologie bis hin zur Brennstoffzelle. Trotz wachsender Elektromobilität werden in Deutschland PKW mit Verbrennungsmotoren (aktuell ca. 45 Millionen) noch lange eine Rolle spielen; Erdgas als Kraftstoff reduziert CO2, Stickoxide und Feinstaub erheblich. Zudem hat Erdgas ein enormes Potenzial für weitere CO2-Minderung über Power-to-Gas oder Bio-Erdgas.

Eine derart integrierte Energielandschaft sichert auch die Zustimmung der Bevölkerung für die Energiewende; denn sie nutzt die Vorteile von zwei parallelen (Strom- und Erdgas-)Infrastrukturen und schafft viel Raum für innovative Technologien bei Energieerzeugung und Anwendungen, die global vermarktet werden können. Gleichzeitig vermeidet sie das Risiko, sich – insbesondere bei der Mobilität – zu einseitig auf strombasierte Lösungen zu fokussieren, bei denen nicht absehbar ist, ob die Wertschöpfung (inkl. Batterieherstellung) langfristig in Deutschland entwickelt und gehalten werden kann.

28. Jan 2026

|

Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.