23. Sep 2026
|
Gesellschaft
Journalist: Julia Butz
|
Foto: Stefan Zeitz
Mit seinen Psychothrillern sorgt Sebastian Fitzek für Nervenkitzel. Zu Hause erlebt der Bestseller-Autor dagegen den ganz normalen Familienwahnsinn.
Herr Fitzek, Sie haben eine Patchwork-Familie mit fünf Kindern, deren Altersabstand vom Kleinkind bis zum Teenager reicht. Was ist für Sie die größere Herausforderung: ein neues Buch zu schreiben oder fünf Kindern gerecht zu werden? Das ist eine interessante Frage, da muss ich tatsächlich kurz innehalten. Beides hat seine eigenen Anforderungen. Im Familienalltag zählt vor allem eines: Organisation. Wer macht was, wann, und wie bekommt man alles unter einen Hut? Meine Frau ist ja auch selbständig und eine große Familie ist ein echtes Teamprojekt. Je besser die Absprachen, desto besser läuft es. Trotzdem gibt es Momente, die einfach nicht planbar sind. Neulich zum Beispiel hat unser Kleinster den Fernseher von einem rollbaren TV-Wagen gekippt und sich dabei am Kopf verletzt. Zum Glück nur eine kleine Abschürfung, der Arzt gab Entwarnung. Stressig wurde es trotzdem, weil wir gleichzeitig meine große Tochter vom Flughafen abholen wollten, die gerade von einer Sprachreise aus London zurückkam. Bei uns ist also immer etwas los. Meine Frau und ich mögen diesen Trubel, ruhige Tage sind eher die Ausnahme. Also wenn ich ganz ehrlich bin: In meinem Büro einen Thriller zu schreiben, ist dann doch die entspanntere Variante (lacht). Da habe ich wenigstens die Kontrolle über den Plottwist.
Was ist das Schönste an Elternschaft? Für mich sind das gar nicht unbedingt die großen Momente, wie die Geburt der Kinder, sondern eher die kleinen Alltagserlebnisse, wenn man dank der Kinder die Welt immer wieder aus neuer Perspektive erleben darf. Der etwas abgedroschene Spruch „Liebe ist das Einzige was sich vermehrt, je mehr man sie teilt“ stimmt wirklich. Meine Liebe zu den Kindern wächst immer weiter und manchmal frage ich mich, wie das überhaupt noch möglich ist.
Früher haben wir uns öfter gelangweilt. Da blieb nichts anderes, als sich Geschichten auszudenken.
Wie sieht der Tagesablauf bei Ihnen in der Familie aus? Der Tag startet früh, gegen sechs. Die Kinder kommen langsam in Gang, machen sich für die Schule fertig. Die Kleinen fahre ich in den Kindergarten in Potsdam. Eine halbe Stunde mit dem Auto, die ich nicht missen möchte. Weil ich dadurch den Musikgeschmack meiner Kinder ein bisschen beeinflussen kann (lacht). Tagsüber bin ich in meinem Büro und schreibe. Unser wichtigstes Familien-Ritual ist das gemeinsame Abendessen. Handys bleiben weg, was übrigens nicht nur für die Kinder schwierig ist, sondern auch für uns Eltern. Aber wir versuchen, diese Zeit bewusst zu schützen. Bildschirmzeit ist eh ein Thema, bei dem unsere Teenager gerade mit viel Leidenschaft ihre Grenzen aushandeln.
Welche Gedanken machen Sie sich in diesem Zusammenhang über den Alltag von Kindern heute? Social Media killt die physische Kommunikation und vieles wird immer unverbindlicher. Das geht manchmal so weit, dass mein Sohn bis kurz vor einer Geburtstagsfeier gar nicht wusste, ob sie überhaupt stattfinden würde oder wer tatsächlich kommt. Die Kernfrage, die ich mir bei meinen Kindern immer wieder stelle, ist: Wie schaffe ich es, ihre Fantasie zu fördern? Früher haben wir uns öfter gelangweilt, an der Bushaltestelle zum Beispiel, weil es da noch keine Handys gab, die einen ständig beschäftigt haben. Da blieb nichts anderes, als zu träumen oder sich Geschichten auszudenken. Gerade diese Momente sind wichtiger Motor für Kreativität. Deshalb versuche ich bewusst, handyfreie Räume zu schaffen. Auch im Urlaub planen wir nicht jeden Tag durch. Ich will Langeweile ermöglichen – und dann sagen können: Überlegt doch mal, wie ihr sie füllen könnt.
Und wie füllt die Familie Ihre Freizeit? Wir haben keine besonders aufregenden Hobbys, um ehrlich zu sein. Mein Jüngster ist gerade zwei Jahre alt, und sein absolutes Lieblingswort lautet: „Spazieren gehen.“ Sobald er das hört, strahlt er und zieht sich sofort die Schuhe an, meist nur leider nicht seine eigenen. Ein fester Termin, auf den sich alle freuen, ist, dass wir einmal im Monat in eine schöne Buchhandlung gehen und sich jeder ein neues Buch aussucht. Ich habe alle meine Kinder immer zum Lesen animiert – mit mäßigem Erfolg, was meine eigenen Bücher betrifft. Sie lesen nichts von mir, noch nicht einmal aus dem lustigen Genre. Meine Große ist gerade im Young-Adult-Thema. Sie hat inzwischen über 60 Bücher gelesen und fängt nun selbst an zu schreiben.
Bildschirmzeit wird bei den Teenagern gerade mit viel Leidenschaft ausgehandelt.
Sebastian Fitzek ist der meistverkaufte deutschsprachige Autor. Aus einem Debütroman 2006 wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten eine internationale Thriller-Marke mit rund 21 Millionen verkauften Büchern und Übersetzungen in Dutzende Ländern. Zahlreiche Werke wurden für Film, Fernsehen und Theater adaptiert.