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12. Nov 2021

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Gesellschaft

„Mit ‚grünen Anleihen‘ gezielt den Wandel unterstützen“

Die vielbeachtete UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow hat gerade gezeigt, dass Nachhaltigkeit und Klimaschutz ein wichtiger Teil der politischen und ökonomischen Agenda sind. Dass die Staaten den Klimaschutz alleine bezahlen können, ist allerdings unwahrscheinlich. Daher wird es darauf ankommen, auch privates „grünes Kapital“, etwa über Fonds, zu mobilisieren. Wir sprachen darüber mit dem ETF-Spezialisten und Head of Passive Sales bei DWS, Patrick Diel.

Patrick Diel verantwortet den Vertrieb von passiven Anlageprodukten wie Xtrackers ETFs bei der DWS in Deutschland und Österreich; Foto: Presse

Kann man in diesem Punkt schon einen Effekt sehen?

 Ja, das kann man an konkreten Zahlen bereits ablesen. Nach Berechnungen des deutschen Fondsverbandes BVI waren bis Mitte 2021 bereits mehr als 360 Milliarden Euro in nachhaltigen Fonds investiert, das ist mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Auch die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Instrumente für solche Investments hat deutlich zugenommen. Auf der einen Seite können Anlegende aktiv gemanagte Fonds wählen, daneben gibt es auch eine Reihe von börsengehandelten Indexfonds, sogenannten ETFs, mit ganz unterschiedlichen regionalen oder thematischen Schwerpunkten, die aber alle unter Berücksichtigung bestimmter Nachhaltigkeits-Kriterien zusammengestellt sind. Diese Vielfalt hat mit Sicherheit dazu beigetragen, dass nachhaltige Anlagen einen solchen Aufschwung beim investierten Volumen genommen haben.

Auch ein nachhaltig ausgerichtetes Portfolio sollte breit gestreut sein. Gibt es Fonds mit Schwerpunkt Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environment, Social, Government, kurz: ESG) in allen wichtigen Anlageklassen?

Ja, hier hat sich gerade in jüngerer Zeit einiges bewegt. Aktive Fonds und ETFs, die in Aktien von Unternehmen investieren, die ihr Geschäft nachhaltiger ausrichten, sind schon länger bekannt und haben bereits viel Anlegerkapital angezogen. Relativ neu ist dagegen das Segment der „Green Bonds“, also der „grüne Anleihen“, die über aktive Fonds und ETFs auch für Privatanlegende investierbar sind. Das Spannende hierbei ist, dass mit dem Emissionserlös – also das Kapital, das Investoren durch den Kauf der Anleihe zur Verfügung stellen – eine konkrete, positive Auswirkung auf Klima und Umwelt angestrebt wird.

Das klingt interessant und macht das Investment viel greifbarer. Wie läuft die Auflage einer „grünen Anleihe“ ab?

Es gibt genaue Kriterien, die eine „grüne Anleihe“ erfüllen muss, vor allem für die Mittelverwendung, aber auch dafür, wie die Umwelt- oder Klimaprojekte ausgewählt und die Investoren darüber informiert werden, welcher Effekt letztlich erzielt wurde.  Beispiele für solche konkreten Projekte können der Bau von Windrädern sein, die energetische Sanierung von Gebäuden oder die Finanzierung von Recycling-Anlagen. Ursprünglich wurden „grüne Anleihen“ vor allem von Regierungen und quasi-staatlichen Institutionen begeben, aber auch hier hat sich der Markt nun deutlich verbeitert. Mittlerweile haben auch viele Unternehmen „grüne Anleihen“ aufgelegt. Das ist eine sehr wichtige Erweiterung des Segments, da einzelne Unternehmen viel besser wissen, für welche Umwelt- und Klimaschutzprojekte sie aktuell eine Finanzierung benötigen.

Können Sie Beispiele nennen für „Green Bonds“ von Unternehmen?

Ja, gerne. Der Tech-Konzern Apple hat eine „grüne Anleihe“ aufgelegt. Mit dem Emissionserlös wird unter anderem der Aufbau von weltweit 1,2 Gigawatt Leistung an erneuerbarer Energie in den nächsten Jahren finanziert. Volkswagen hat eine „grüne Anleihe“ emittiert, um die Entwicklung der Elektromobilität im Unternehmen zu beschleunigen. Das Besondere ist, dass sich Anlegende über einen ETF an diesen und vielen weiteren Projekten direkt beteiligen können. Unser Xtrackers EUR Corporate Green Bond UCITS ETF war einer der ersten, der dieses interessante Anlagesegment auf dem europäischen Markt zugänglich macht.

Wie werden die „grünen Anleihen“ für den Xtrackers Corporate Green Bond ETF konkret ausgesucht?

Wie bei ETFs üblich, gibt es auch hier ganz genaue Regeln, nach denen ein entsprechender Index konstruiert wird. Im ersten Schritt werden Unternehmensanleihen mit einem Investment-Grade-Rating ausgesucht, die gemäß den internationalen Regeln für „Green Bonds“ ausgestaltet sein müssen. Eine Besonderheit beim Xtrackers Corporate Green Bond ETF ist, dass die Unternehmen, die die „grüne Anleihe“ begeben, auch kein schlechtes ESG-Rating haben dürfen. Schließlich dürfen auch keine Anleihen von Unternehmen aus kontroversen Branchen, wie Waffenproduktion oder Kohleförderung, aufgenommen werden. Wir bieten zwei Corporate Green Bond ETFs an, jeweils einen für Euro- und einen für US-Dollar-Anleihen. Ein Kurs- und eventuell Währungsrisiko bleibt unabhängig von der Ausrichtung wie bei anderen Anleihe-ETFs weiter bestehen.

Abschließend gefragt: Für welche Anlegende könnte ein solcher ETF für „Green Bonds“ geeignet sein?

Er könnte für Anlegende geeignet sein, die Unternehmensanleihen mit allen damit verbundenen Chancen und Risiken in ihr Portfolio aufnehmen und gleichzeitig konkret in ein Projekt mit Bezug auf Umwelt und Klimaschutz investieren wollen.

28. Jan 2026

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Wirtschaft

Flexible Aus- und Weiterbildung als Schlüssel zum Erfolg – Ein Beitrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Zwischen 2025 und 2029 gehen rund 5,26 Mio. Erwerbstätige in den Ruhestand. Gleichzeitig erwarten wir, dass in diesem Zeitraum nur rund 4,37 Mio. Personen aus dem Bildungssystem oder aus dem Ausland neu auf den inländischen Arbeitsmarkt kommen. Der Ersatzbedarf lässt sich mengenmäßig nicht durch dieses Neuangebot stillen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird somit zurückgehen. Zugleich braucht Deutschland dringend Erneuerungen. In unsere Sicherheit und Infrastruktur wird viel investiert werden müssen. In den Gesundheitsberufen wird die Nachfrage steigen, und auch in der IT-Entwicklung dürfen wir nicht zurückbleiben. Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. So können Tätigkeiten zum einen automatisiert werden, die bislang von Menschen ausgeübt werden. Zum anderen bieten sie aber auch Raum für neue Tätigkeiten und Geschäftsmodelle. Eine jüngst veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung zeigt, dass allein die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI) rund 1,6 Mio. Arbeitsplätze betreffen werden. Voraussichtlich werden rund 800.000 Arbeitsplätze in den kommenden 15 Jahren wegen der Nutzung von KI entfallen, während gleichzeitig rund 800.000 neu entstehen. Dieser Strukturwandel lässt sich nicht ohne berufliche Aus- und Weiterbildung bestreiten. >Um unseren Wohlstand bei einer schwindenden Zahl an Erwerbstätigen auch in den kommenden Jahren zu erhalten, müssen wir technologische Entwicklungen intelligent nutzen. Der Digitalisierung folgt der verstärkte Einsatz von KI, der abstrakte Klimawandel wird greifbar durch Flut- und Dürrekatastrophen, die demografische Entwicklung führt zu anderen Arbeitsmodellen und längeren Arbeitsphasen. Berufliche Qualifikationen bereiten uns im besten Fall darauf vor, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. So eröffnen die 327 Ausbildungsberufe des dualen Systems die Möglichkeit, flexibel in einer Fülle von Erwerbsberufen tätig zu werden. Voraussetzung hierfür ist, dass exemplarisch in ausreichender fachlich-methodischer Breite und Tiefe gelernt wird und die für die Transformation notwendigen Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Zentral sind hier Transfer- und Problemlösefähigkeit, Kreativität sowie soziale und personale Kompetenzen. Wichtig ist aber auch, Menschen ohne Ausbildung durch die Nutzung abschlussorientierter Konzepte – wie zum Beispiel Teilqualifikationen oder Validierungsverfahren – für die Herausforderungen des Arbeitsmarkts der Zukunft zu befähigen. Vor dem Hintergrund des beschleunigten Strukturwandels leistet vor allem auch die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Sie schafft individuelle Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Deshalb müssen wir die formale Weiterbildung durch gezielte Flexibilisierung, Modularisierung und „Dualisierung“ – also die Verknüpfung von systematischem Lernen mit praktischer Anwendung am Arbeitsplatz – attraktiver gestalten und stärker mit non-formalen Angeboten verknüpfen. So kann es gelingen, möglichst viele Menschen für Weiterbildung zu gewinnen. Denn es ist arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch nicht akzeptabel, große Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu lassen. Die Attraktivität und Individualisierung der Weiterbildungsformate sind hier entscheidend.